Hillel at Michigan 1926/27 - 1945
Struggles of Jewish Identity in a Pivotal Era

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The German Opinion

Im Land des Dr. Soccer

„„Wochentags sollen wir Harvard sein, am Wochenende Alabama"" –– Zwei Bücher räumen mit Mythen im amerikanischen Sport auf

Vor mehr als 30 Jahren kam ich zum ersten Mal in die USA. In meinem Hotelzimmer zappte ich –– füür einen Deutschen war das damals neu –– durch die vielen Fernsehkanääle, bis ich zu meiner ÜÜberraschung auf die ÜÜbertragung des Endspiels der amerikanischen Soccer-Liga stießß. Gleich füühlte ich mich wie zu Hause. Doch dieses Heimatgefüühl hielt nicht lange an. „„Soccer"" blieb ein fremdes Wort, und noch fremder kam mir das football field vor, auf dem dieses Endspiel ausgetragen wurde. Man hatte sich nicht die Müühe gemacht, füür ein einziges soccer match die üüblichen Football-Markierungen zu entfernen, und als der Stadionsprecher begeistert ausrief: „„And now, Ladies and Gentlemen, we have a freekick from the 45 yard-line"" war das zu viel füür einen Fan aus der alten Süüdwest-Oberliga, der Otmar Walters Kopfbäälle und Ferdl Warths Ecken noch live miterlebt hatte. Ich schaltete ab.

Heute geben die Amerikaner, von denen 20 Millionen Fußßball spielen, jäährlich üüber 50 Millionen Dollar füür Fußßbäälle (soccer balls!) aus, und Fußßball wird –– hääufiger als Football –– an 1200 Colleges gespielt. Am Wochenende kutschieren Millionen von „„Soccer Moms"" in voll gepackten Station Wagons ihre Kinder und deren Freunde auf die wohlgepflegten Rasenpläätze am Rande der amerikanischen Kleinstäädte. 1994 fand die Fußßballweltmeisterschaft in den USA statt. Als die Fußßballgiganten Marokko und Saudi-Arabien gegeneinander spielten, war das Giants Stadion in New York mit 72000 Zuschauern ausverkauft. Als die USA vier Jahre spääter in Frankreich auf Deutschland trafen, beging die Fernsehgesellschaft ABC ein Sakrileg und verschob eine Folge der Serie „„General Hospital"", um das Spiel zeigen zu köönnen. Die Dachorganisation des amerikanischen Fußßballs bleibt dennoch bescheiden: Erst 2010 –– so ihre Prognose –– werden die USA Weltmeister werden.

Und dennoch ist Soccer in den USA ein Außßenseitersport geblieben, der sich mit den großßen „„Dreieinhalb"" (Baseball, Football, Basketball, Eishockey) nicht messen kann: Auf die so ööffentlichkeitswirksame Sportkultur des Landes hat der Fußßball keinerlei Einfluss. Werner Sombarts 1906 gestellte Frage, warum es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus gebe, ist hoffnungslos veraltet. Auch in Europa gibt es keinen Sozialismus mehr. Die Frage dagegen, warum die Vereinigten Staaten, die doch sonst die Welt bestimmen, nur im Fußßball keine Rolle spielen, stellt sich dringender denn je. Andrei Markovits und Steven Hellerman haben sie in einem gläänzend recherchierten und spannend geschriebenen Buch beantwortet, das George Plimptons These widerlegt, Sportbüücher seien umso besser, je kleiner der Ball sei, mit dem sie sich beschääftigten.

In „„Pnin"" (1953), dem Roman üüber die Irrwege eines emigrierten russischen Professors in Amerika, beschreibt Vladimir Nabokov die Schwierigkeiten, die sein Held hat, in einer Kleinstadt einen Fußßball zu kaufen. Er habe nicht nach einem Ei oder Torpedo gefragt –– so lehnt er entrüüstet den ihm angebotenen football ab. Erst als der Professor mit Worten, die er üüblicherweise im Oberseminar benutzt, um die „„harmonische Ganzheit"" Puschkins zu preisen, das Objekt seiner Begierde schildert, erhäält er, wonach er gefragt hat: „„A simple football ball. Round!"" Knapp hundert Jahre zuvor waren nicht nur die Bäälle, sondern auch die Regeln der beiden Sportarten noch kaum unterscheidbar: Der 6. November 1869, der Tag, als in New Brunswick (New Jersey) die Mannschaften von Rutgers und Princeton aufeinander trafen, gilt in den USA sowohl als das Datum des ersten Football- als auch des ersten offiziellen Fußßballspiels. Baseball, Herbst und Winter

Der Kult- und Kulturraum des amerikanischen Sports wurde im 19. Jahrhundert schnell von drei Sportarten besetzt, die auch die Jahreszeiten untereinander aufteilten: Baseball im Früühling und Sommer, Football im Herbst und im Winter Basketball. Football konnte und wollte dabei seine Herkunft vom Rugby und vom Fußßball britischer Präägung nicht leugnen. Baseball dagegen trat sofort an die Stelle von Cricket, das in den USA nie eine Chance hatte. Das Spiel aber, das keine europääische Herkunft verbergen musste, war Basketball: Es wurde 1891 von James Naismith in Massachussets erfunden. Ausgerechnet die amerikanischste aller Sportarten ist die einzige, die sich weltweit ausgebreitet hat: Hääufiger als Basketball wird auf dem Globus nur Fußßball gespielt.

Im Mannschaftssport sind die Amerikaner arrogante Isolationisten –– aber keine Nationalisten. Auch wenn zu Olympischen Spielen „„Dream Teams"" gebildet werden, interessieren die Amerikaner deren Erfolge weniger als die Ergebnisse ihrer Lokalmannschaften. Die nationalistische Begeisterung der europääischen Fußßballfans ist den Uno-skeptischen Amerikanern ebenso fremd wie die Bereitschaft, ihre Hauptsportarten den Vorschriften eines internationalen Verbandes zu unterwerfen. Wäährend selbst deutsche Fußßballkaiser den Regeln der Fifa folgen müüssen, orientiert sich die Fiba, der Internationale Basketballverband, eher an den Regeln der NBA als umgekehrt. Natüürlich sind füür die Amerikaner die Los Angeles Lakers, der diesjäährige NBA-Champion, „„Weltmeister"" im Basketball, und die Meister der American und der National League spielen im Baseball in der „„World Series"". 1903 zum ersten Male veranstaltet, hatte sie damals nichts mit einer „„Weltmeisterschaft"" zu tun. Genannt wurde sie vielmehr nach „„The World"", einer New Yorker Zeitung, die damals die Play-Offs organisierte. Fußßball wird an den meisten amerikanischen Colleges gespielt –– aber es ist kein Sport, der Aufstiegsmööglichkeiten bietet wie die großßen Drei. Wer wäährend seiner College-Zeit im Football oder Basketball herausragt, hat die Chance, üüber den „„draft"" in eine Profiliga zu gelangen, deren Durchschnittsgehäälter unterdessen in astronomische Hööhen geschnellt sind: Sie liegen beispielsweise in der NBA bei 2,5 Millionen Dollar pro Jahr. Ein äähnlicher Anreiz bietet sich einem Fußßballspieler nicht. Daran wird sich so schnell nichts äändern, weil noch keine Regeläänderung in Sicht ist, die den Fußßball auf dem amerikanischen Markt fernsehtauglich machen wüürde. Ein Spiel, das nur eine Halbzeit, aber keine regelmääßßigen Auszeiten kennt, ist nicht werbeträächtig genug. Auch entzieht sich der Fußßball weitgehend der „„Bewunderung jeder mess- und wäägbaren Gröößße"", in der Sombart ein Merkmal des amerikanischen Volkscharakters sah. Wäährend der amerikanische Zuschauer bis auf drei Stellen hinter dem Komma das „„batting average"" seiner Baseball-Stars kennt, ist der Fußßball zu seinem eigenen Schaden ein statistikarmes Spiel geblieben.

Vom Rugby hießß es einst, es sei ein rauer Sport, der von Gentlemen betrieben werde, Fußßball dagegen, „„dieses einfache und elegante Spiel"", wie Eric Hobsbawm schwäärmte, sei den Raubeinen vorbehalten. Füür Europa mag das gelten. In den USA dagegen sehen viele im Soccer einen Sport füür Weichlinge –– ein Vorurteil, das noch dadurch bestäätigt wird, dass so viele Määdchen ihn betreiben. Und dann sind amerikanische Fußßballspieler auch noch gebildet: Von den 132 Spielern der wichtigsten europääischen Mannschaften, die an der letzten Weltmeisterschaft in Paris teilnahmen, hatte ein einziger die Universitäät besucht. (Lange ist es her, dass mit Dr. Peter Kunter ein Zahnarzt im Tor der Frankfurter Eintracht stand!) Das amerikanische Team dagegen, in dem es von Graduates nur so wimmelte, häätte zwischen den Spielen Seminare veranstalten köönnen.

Im Sport hat sich die alteuropääische Maxime des „„mens sana in corpore sano"" nur noch in Amerika, diesem auswäärtigen Europa, wie Leopold Ranke es einst nannte, erhalten. Das bringt auch Probleme mit sich, wie der Prääsident eines amerikanischen Elite-College klagte: „„In der Woche sollen wir Harvard sein und am Wochenende Alabama!"" In der Regel aber wird bis heute an amerikanischen Colleges der Versuch unternommen, Sport und Gelehrsamkeit nicht als Gegensäätze zu sehen.

Jetzt haben James L. Shulman und William G. Bowen, der Leiter der Mellon Foundation und früühere Prääsident von Princeton, die amerikanische Wunschvorstellung des „„mens sana in corpore sano"" als Schimääre entlarvt. Sie betreiben in ihrem Buch nichts weniger als eine Mythenzertrüümmerung. Der erste Mythos betrifft das Geld: Manche amerikanische Universitääten sind angeblich deshalb reich, weil sie mit ihren Teams so viel Geld verdienen. Das Gegenteil ist wahr. Letztlich sind die Sportprogramme defizitäär: 1999 wurden die sechs Heimspiele des Football Teams der University of Michigan von durchschnittlich 110965 Zuschauern besucht. Das finanzielle Defizit der Sportprogramme lag im gleichen Zeitraum bei 2,8 Millionen Dollar. Der zweite Mythos betrifft den Geist: Gute Sportler bilden im Wettkampf Charaktereigenschaften wie Bescheidenheit, Loyalitäät, Selbstvertrauen und Ehrlichkeit aus, die ihre Chancen erhööhen, als exzellente Studenten ihr Studium erfolgreich abzuschließßen. Das Gegenteil ist der Fall. Zwar beenden nach wie vor viele Leistungssportler ihr Studium, doch werden ihre Noten immer schlechter. Mehr noch: Gegenüüber der Ausgangsposition, die sie selbst von der Schule her mitbringen, verschlechtern sie sich erheblich. Schlechte Noten, guter Lauf

An den amerikanischen Universitääten wird der Gegensatz zwischen der Welt der Athleten und der Kultur der Akademiker immer stäärker. Leistungssportler an amerikanischen Colleges beginnen ihr Studium in der Regel mit schlechteren Noten als ihre „„normalen"" Kommilitonen, sie kommen aus äärmeren Familien, sie gehöören meist zu den Minoritääten,sie machen einen wesentlich schlechteren Abschluss –– und sie verdienen im spääteren Berufsleben erheblich mehr. Die Erfolgsgeschichten dieser Sportler bedrohen das innere Gefüüge der amerikanischen Bildungsinstitutionen mehr als ihre schlechten Noten.

In der amerikanischen Politik spiegelt sich dieser Zerfall des Zusammenhangs von sportlicher Leistung und intellektueller Exzellenz wider –– an der Spitze der Nation. Ginge es mit rechten Dingen zu, häätte Bill Bradley das Rennen um die amerikanische Prääsidentschaft machen müüssen, der früühere Senator aus New Jersey, der als Student in Princeton Basketball spielte, Rhodes Scholar wurde und dann mit Walt „„Clyde"" Frazier und Willis Reed zu einem legendäären Team der New York Knicks gehöörte. Stattdessen wurde mit Bill Clinton ein Amateurgolfer Prääsident, der im Weißßen Haus auf unkonventionelle Art das Putten üübte –– gefolgt von George W. Bush Jr., dem früüheren Eigentüümer der Texas Rangers, der zur Erööffnung der Baseball-Saison seinem Vater nacheiferte und mit seinem Pitch die 60 Fußß und 6 Inches bis zur Home Plate deutlich verfehlte. „„White Men Can''t Jump"" hießß es bisher. Jetzt köönnen sie noch nicht einmal mehr werfen.

WOLF LEPENIES



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