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The German Opinion

OESTERREICHISCHE ZEITSCHRIFT FUER POLITIKWISSENSCHAFT
December 2001

Der Begriff "American Exceptionalism" ist, im Anschluss vor allem an Werner Sombart, von Seymour Martin Lipset entwickelt worden. Die Frage, die Sombart und Lipset und andere vor allem bewegt hat, ist die nach den Ursachen für das Fehlen einer starken, das politische System bestimmenden, sozialistischen oder sozialdemokratischen Partei in den USA: Warum gibt es keinen amerikanischen Sozialismus? Warum entziehen sich die USA der Logik der Entwicklung, die alle europäischen Staaten erfasst hat – dass die Industrialisierung eine starke Arbeiterbewegung und diese eine die Linke dominierende sozialistische Partei hervorbringt?

Markovits und Hellerman greifen die Frage nach dem amerikanischen „Anders-Sein" auf und übertragen sie auf das – scheinbar so unpolitische – Gebiet des Sports. Für sie ist Sport ein Phänomen der Kultur, der Massenkultur – und als solches besonders geeignet, Grenzen aufzuheben. Hollywood, beispielsweise, steht für eine globalisierte Massenkultur; für eine Freizeit und damit Alltag dominierende, die US-Hegemonie reflektierende Massenkultur: Film und Fernsehen werden, weltweit, von der US-Massenkultur bestimmt und in diesem Sinne „beherrscht". Dass diese Hegemonie auch politische Implikationen besitzt, das ist nicht nur französischen PolitikerInnen bewusst, die – durch Quotenregelungen – dieser Dependenz gegenzusteuern versuchen.

Markovits und Hellerman kommen von diesen beiden Vergleichen – „American Exceptionalism" im Parteiensystem, amerikanische Hegemonie in der globalisierten Massenkultur – zur Themenstellung, die dieses Buch bestimmt: Warum sind die USA in allen globalisierten Formen der Massenkultur so dominant – nur nicht im Sport? Warum ist der weltweit hegemoniale Sport – Soccer – in Brasilien und in Südafrika, in Deutschland und in Russland eindeutig die „Nummer eins", nur nicht in den USA? Und warum sind die in den USA hegemonialen Sportarten – Baseball, Football, Basketball und (in geringerem Umfang) Hockey – nicht weltweit hegemonial?

Markovits und Hellerman sind „Sportpolitologen" – Markovits ist Professor an der University of Michigan und einer der führenden Europa- und speziell Deutschland-Experten der amerikanischen Politikwissenschaft; Hellerman ist Sportjournalist und Doktorand der Politikwissenschaft. Als Sozialwissenschafter liefern sie eine Fülle von Erklärungen für die Ausnahmestellung des US-Sports im Zeitalter der Globalisierung: etwa, dass der „Raum" („space"), den bestimmte Sportarten besetzen und so in einer Gesellschaft hegemonial werden, im wesentlichen vor dem Zweiten Weltkrieg vergeben wurde, also noch bevor die USA sich zum globalen Hegemon entwickeln konnte; etwa, dass in der Sportkultur der USA der für den hegemonialen Sport so wichtige Nationalismus sich nicht in Form nationaler Konkurrenz (Stichwort Fußballkrieg Honduras – El Salvador) artikuliert, sondern als quasi-britische „splendid isolation": Was sich außerhalb der USA so abspielt, wird kaum zur Kenntnis genommen.

Eine entscheidende Erklärung ist auch der spezifische Immigrationscharakter der US-Gesellschaft: Die Einwanderer aus Europa, die um 1900 und in den ersten Jahrzehnten danach in ihren Ursprungsländern schon von der Soccer-Hegemonie geprägt worden waren, fanden eine amerikanische Gesellschaft vor, die durch Druck und Anreize sie zur Assimilation brachte – eben auch in Fragen der Massenkultur. Und so wurde eine Einwanderungswelle nach der anderen vom US-Massensport integriert; konnte sich Soccer in den USA nicht den Status erwerben, den britische Einwanderer „ihrem" Cricket, „ihrem" Fußball (ist gleich soccer), „ihrem" Rugby etwa in Australien und Neuseeland zu sichern vermochten. Dass das alles mit „class" zu tun hat; und mit „education" – mit den Sportprogrammen vor allem der Elite-Schulen – alles das kann bei Markovits und Hellerman nachgelesen werden.

Die schon im ersten Drittel des 20.Jahrhunderts weitgehend abgeschlossene Besetzung des „Raumes", der für hegemonialen Sport offen ist, erklärt auch ein weiteres Phänomen: Anders als die mit dem Begriff „Hollywood" umschriebene hegemoniale Massenkultur ist die des Sports unverändert gender-differenziert. Da mögen erfolgreiche professionelle Tennisspielerinnen (fast) die Bezüge erreichen wie die mit ihnen um die mediale Aufmerksamkeit konkurrierenden Männer; da mag NBC der Frauen-Basketballliga WNBA gute Sendezeiten einräumen; und da mögen die US-Frauen Soccer- Weltmeisterinnen werden: Wenn es wirklich darauf ankommt – wenn es um den „Super Bowl" der NFL oder die „finals" der NBA geht, dann ist das, wie Markovits und Hellerman vielfach belegen, eine Sache für die „guys"; für die wirklichen Fans; und die verstehen sich nach wie vor, informell, als Männer-Klub.

Markovits und Hellerman entwickeln auch eine Erklärung dafür, warum zwar Soccer in den USA längst zu einem Massen- und Breitensport geworden ist, den viele Millionen betreiben; warum aber Soccer nicht hegemonial ist und in absehbarer Zeit – allen Versuchen von „Major League Soccer" zum Trotz – auch nicht hegemonial zu werden verspricht: Soccer ist und bleibt ein Freizeitvergnügen für „middle class America"; aber es kann, in den Massenmedien, den hegemonialen Sportarten keine Konkurrenz machen. Markovits und Hellerman haben dafür einen guten Indikator entwickelt: Gleichgültig, wie viele „American kids" Soccer spielen – solange nicht viele Millionen erwarten, in den Medien über Soccer als Spitzensport, als professionellen Sport permanent die Flut an Informationen zu bekommen, wie sie dies bezüglich der Stars der Baseball-, Football- und Basketball-Profiligen erwarten, kann Soccer zwar – gelegentlich – als politisches Sekundärphänomen (siehe die für Clintons Wahlerfolg 1996 so wichtigen „soccer moms"), nicht aber als kulturell hegemoniales Massenphänomen gelten.

Markovits und Hellerman sind – als ausgewiesene Sportpolitologen – natürlich auch Sportökonomen. Die mit dem Sport verbundenen Profitinteressen sind ja auch eine wichtige Erklärung der Differenz zwischen der Entwicklung des hegemonialen Sports in den USA und der im Rest der Welt: Wie die großen US-amerikanischen Profiligen der hegemonialen „dreieinhalb" funktionieren (Hockey ist eben halb, aber nicht ganz in derselben Gruppe wie Baseball, Football, Basketball) und warum sie so anders funktionieren wie der Profibetrieb im europäischen Fußball (soccer), das kann man in diesem Buch erfahren. Markovits und Hellerman haben ihre empirische Forschung gründlich betrieben.

Markovits und Hellerman haben dieses Buch aber nicht nur als Sportpolitologen geschrieben, sondern auch als afficinados; als Fans, die mit dem hegemonialen Sport der USA und Europas nicht nur vertraut, sondern auch von ihm erfasst sind. Sektorale Kenner des US-Sports werden daher mit Vergnügen die aus der Welt der Fans kommenden empirischen Belege bezüglich der Boston Celtics, der Green Bay Packers und der New York Rangers lesen. Und für alle, die – als europäische Fußball-Fans – diese Seite der Komplexität des Buches so richtig genießen können, sind die Erklärungen der Rivalitäten zwischen Real Madrid und FC Barcelona, zwischen Celtic Glasgow und Glasgow Rangers, aber auch zwischen Rapid und Austria Wien ein – intellektuelles, sozialwissenschaftliches – Vergnügen.

Anton Pelinka (Innsbruck, Wien)

Andrei S.Markovits, Steven L.Hellerman: Offside. Soccer and American Exceptionalism.
Princeton University Press, Princeton und Oxford 2001, 367 Seiten.



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