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Reviews for German edition of Offside: Soccer and American Exceptionalism

FUNDSTÜCK

Aufstiegspotential

Inwieweit die Vereinigten Staaten gesellschaftspolitisch und kulturgeschichtlich gesehen eine Ausnahme darstellen, ist seit Alexis de Tocqueville vielfach diskutiert worden. Im 20. Jahrhundert hat die sozialwissenschaftliche Begründung des amerikanischen Exzeptionalismus durch Seymour Martin Lipset dazu beigetragen, der Exzeptionalismusthese ihre vollen akademischen Weihen zu geben. In den letzten zwanzig Jahren hat sie jedoch auch erhebliche Kritik erfahren. So wurde argumentiert, in vielerlei Hinsicht seien die Gegenüberstellung und die Betonung der Unterschiede von alter und neuer Welt hinfällig. Europa habe sich, wie auch der Rest der Welt, spätestens seit Ende des Zweiten Weltkrieges immer mehr an den USA orientiert und sich ihr angenähert, während die USA sich intern (durch Migration) und nach außen (aus ökonomischen und politischen Gründen) internationalisiert haben.

Dass die von den Revisionisten der Exzeptionalismusthese vorgebrachten Ansichten vielleicht auf etwas vorschnellen Urteilen basieren, wird deutlich, wenn man die neue wegweisende, im Kuhnschen Sinne wissenschaftlich-revolutionäre Fussballstudie liest, die der in Ann Arbor lehrende Politik- und Sozialwissenschaftler Andrei S. Markovits gemeinsam mit dem Sportjournalisten Steven L. Hellerman verfasst hat: Offside - Soccer and American Exceptionalism.

Zur Vertiefung und besseren Fundierung des Exzeptionalismusparadigmas akzeptieren Markovits und Hellerman einige von den Thesen der ‚Revisionisten', insbesondere die von Globalisierungstheoretikern vorgebrachte Auffassung, dass in der gegenwärtigen Welt Angleichungsprozesse zu beobachten seien. So argumentieren sie, dass sich in den USA der Massensport ähnlich entwickelt und entfaltet habe wie in allen anderen entwickelten Ländern. Die USA haben teil an einem übergreifenden "Durchsickerungseffekt": Ein bestimmter Sport wird von einer kleinen Bildungselite "erfunden", und "demokratisiert" sich im Laufe der Jahre.

Dieser universale und auch in den USA zu beobachtende Ablauf stößt aber als Erklärungsansatz an seine Grenze, wenn man sich die historisch-konkreten Konstellationen genauer ansieht. In der wichtigen Take Off- und Definitionsphase sind es in den USA die Big three and a half, die sich durchsetzen: Football, Baseball, Basketball (die großen drei) und Eishockey (the half). Nach einer ersten Definitions- und Strukturierungsphase folgt dann die ebenso wichtige Massenakzeptanzphase, in der die Medienpräsenz eine zentrale Rolle spielt. Einmal institutionalisiert und akzeptiert ist es dann sehr schwer, ja eigentlich unmöglich, in den vormaligen "Naturzustand" zurückzufallen.

Markovits und Hellerman sehen den Grund, warum es trotz zahlreicher (und teilweise heroischer) Versuche dem amerikanischen Soccer in den wichtigen TakeOff- Phasen nicht gelungen ist, sich zu etablieren, nicht zuletzt darin, dass Soccer als nicht amerikanisiert genug galt. In der ersten Phase kam der Sport ein, vielleicht zwei Jahrzehnte zu spät. Soccer blieb der Sport später ankommender, nicht-englischer Einwanderer, deren ethnische Zugehörigkeit kaum Mittelklassenaufstiegspotential symbolisierte, sondern eher assoziiert wurde mit "unamerikanischer", auf europäischer Klassenbasis basierender sozialer Ungleichheit.

Nach dem unglücklichen Start, in dem Soccer von den dreieinhalb Großen ausgegrenzt wurde (the ‚crowding-out' of soccer), erzählen Markovits und Hellerman die weitere Odyssee des amerikanischen Soccer: vom misslungenen ersten Versuch, eine amerikanische Profiliga zu schaffen, bis zum, wie es scheint, relativ erfolgreichen zweiten Versuch, der Major League Soccer. In ihrer Darstellung betonen die beiden Autoren immer wieder, wie wichtig die Unterstützung der Medien und andere Vernetzungen und Popularisierungen für die Etablierung und den möglichen Erfolg des amerikanischen Soccer sind.

In der näheren Zukunft könnten sich insbesondere drei Faktoren als förderlich erweisen: dass besonders Frauen den Sport für sich entdeckt haben; dass Soccer an Schulen, an der High School und zum Teil an den Universitäten besonders populär ist; und nicht zuletzt, dass die demographischen Verschiebungen zugunsten eines stärkeren Anteils von Hispanics dem Soccer eine wichtige Rekrutierungs- und Massenbasis geben. Markovits und Hellerman betonen in diesem Kontext, dass vor allem die Beliebtheit des Fußball bei Frauen eine amerikanische Besonderheit darstellt. Am Ende bleiben die Autoren aber vorsichtig. Solange der Ball nicht auf dem Schulhof, auf der Straße oder im Hinterhof gekickt werde (interessant hier: African American sind kaum an Soccer interessiert), sei überschwänglicher Optimismus kaum angebracht.

Mit ihrer detailreichen, empirisch-historisch konkreten und äußerst lebendig geschriebenen Studie haben Markovits und Hellerman das Paradigma des amerikanischen Exzeptionalismus aus seinem Dornröschenschlaf erweckt und ihm neues Leben eingehaucht. Um es in Kuhnscher Terminologie auszudrücken: Es bedarf eben einer revolutionären Neuerung, um ein Wissenschafts- und Forschungsparadigma zu erschüttern oder (neu) zu begründen. Fußballtechnisch gesprochen lässt sich das etwas eleganter und vielleicht besser so ausdrücken: Markovits und Hellerman haben mit ihrer Studie für die Sozialwissenschaft das geleistet, was Günter Netzer für die Modernisierung des europäischen Fußballs geleistet hat.

ANDREAS HESS

Andrei S. Markovits, Steven L. Hellerman: Offside - Soccer and American Exceptionalism, Princeton UP 2001, 367 Seiten, 17,95 $.

Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 20.08.2001 um 21:27:47 Uhr
Erscheinungsdatum 21.08.2001



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